Die Geschichte Sellinghausens

Vom späten Mittelalter bis etwa 1800 bestand Sellinghausen aus drei Bauerhöfen: Erstmals erwähnt wurde unser Dorf im Jahr 1300, als der Junker auf der Leiße, der Besitzer des Altenhofs unterhalb von Fredeburg, ein 600 Morgen großes Gut in Sellinghausen erwarb. Es handelt sich hierbei um den späteren Schulten Hof, dessen Hauptgebäude teilweise dem heutigen Haus Nagel entspricht. Nach einer Urkunde vom 15.08.1336 (Landesarchiv Münster) verzichteten seine Besitzer, die Gebrüder und Knappen Bertramus und Hermannus aus Sellinghausen, auf ihre Feindschaft gegen die Laienbrüder des Klosters Benninghausen, die vorher ihren Bruder Regenhard erschlagen hatten.

Eine im Pfarrarchiv Dorlar befindliche Urkunde vom 2. Februar 1374 besagt, dass die Geschwister von Cappele ihr Gut zu Sellinghausen an die Kirchen von Kirchilpe (Iffelpe) und Dorlar verkaufen. Die Kirche vergab den großen Besitz im selben Jahr als Lehensgut an die Familie Grünewald, deren Nachkommen den Hof noch heute bewirtschaften. Ein weiterer Hof war im Besitz des Stifts Meschede, eine Auflistung der Höfe aus dem Jahr 1350 nennt den „Hof Beulke in Sellinghausen“. Nachkommen dieser Familie Beilke ist die Familie Stockhausen.

Im 15. bis 18. Jahrhundert tauchen immer wieder in verschiedenen Urkunden und Dokumenten die Namen von Mitgliedern der Familien Schulte, Grünewald und Beilke auf. Sie finden u.a. Erwähnung in mehreren Schatzungsregistern (Steuerlisten) und in Akten der Pfarrei Dorlar.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nahm die Einwohnerzahl Sellinghausens zu, immer mehr sogenannte Beilieger – z.T. mit ihren Familien -  lebten in Nebengebäuden (z.B. in umgebauten Speichern und Backhäusern) der Höfe. Sie waren Mieter oder Pächter und arbeiteten als Tagelöhner oder Handwerker.

Seit dem Dreißigjährigen Krieg litt der Schulten Hof unter wirtschaftlichen Problemen. Etwa ab 1800 mussten seine Besitzer immer wieder Grundstücke verkaufen. So konnten Familien aus der Umgebung oder frühere Beilieger Land erwerben und ein Haus in Sellinghausen bauen. Auch einige Söhne und Töchter vom Schulten Hof siedelten sich mit ihren Familien in Sellinghausen an. Bis zum Jahr 1819 entstanden auf diese Weise 7 neue kleine Höfe, das Dorf  hatte jetzt 10 Häuser mit 70 Einwohnern.

Dieser Prozess setzte sich fort, im Jahr 1845 schließlich verkaufte Anton Hennemann gt. Schulte das gesamte Schulten-Gut an den Gerichtsdirektor Amecke aus Fredeburg. Dieser verkaufte den Grundbesitz parzellenweise, so dass sich weitere Familien hier ansiedeln konnten. Auch von dem Beilken Hof erwarben drei Familien Grundstücke und errichteten hier Häuser. Im Jahre 1865 hatte das Dorf dadurch bereits 25 Häuser.

Die meisten Familienväter arbeiteten im 19. Jahrhundert neben ihrer Tätigkeit in der eigenen kleinen Landwirtschaft als Tagelöhner. Sie arbeiteten zeitweise auf größeren Höfen und waren als Handwerker tätig; es gab in Sellinghausen Schuhmacher, Schneider, Strohdecker, Köhler, Maurer, Schreiner, Zimmerleute und Wagner. Etwa ab 1860 gingen immer mehr Männer als Bergleute in die Heiminghauser Schiefergrube. Ab 1920 arbeiteten viele in der neu eröffneten Schiefergrube in Sellinghausen, die aber wenige Jahre später mangels abbauwürdigen Schiefers wieder geschlossen wurde.

Kirchlich und schulisch war man über Jahrhunderte hinweg nach Dorlar orientiert. 1859 fand dann für die Altenilper und Sellinghauser Kinder erstmals regulärer Unterricht in einem gemieteten Schulgebäude in Altenilpe statt, das später von der Gemeinde Dorlar erworben wurde. Diese errichtete dann im Jahr 1908 das heute verfallene, damals jedoch moderne und zweckmäßige Schulgebäude.

Im Jahre 1887 bauten die Sellinghauser in Eigenleistung mitten im Dorf die St. Blasius Kapelle. Zu den regelmäßigen Gottesdiensten mussten sie aber weiterhin den beschwerlichen Weg nach Dorlar auf sich nehmen.

Ab 1920 gab es zunächst in Altenilpe Bestrebungen, die kleine Altenilper Kapelle zu einer Kirche zu vergrößern und eine eigene Kirchengemeinde gründen, bald konnten auch die Sellinghauser für diese Pläne gewonnen werden. Der Fredeburger Pfarrer Albert Groeteken und der Dorlarer Dechant Johannes Kaufmann unterstützten das Vorhaben und schon im März 1921 gingen alle Männer aus Altenilpe und Sellinghausen mit großem Eifer an die Arbeit. Bereits am 8. November desselben Jahres weihte Pfarrer Kaufmann die St. Luzia Kirche ein. Von 1922 bis 1972 hatte die Katholische St. Luzia Kirchengemeinde Altenilpe-Sellinghausen einen eigenen Pfarrer. In den 1920er Jahren bauten die beiden Dörfer das Pfarrhaus in Altenilpe, legten den Friedhof an und gründeten die Schützengesellschaft Altenilpe-Sellinghausen.

Unter den schweren Kriegszeiten hatte auch unser Dorf zu leiden; im Ersten Weltkrieg fielen 5 junge Männer aus Sellinghausen bei den Kämpfen in Belgien, Frankreich und Russland. Auch im Zweiten Weltkrieg wurden von Beginn an zahlreiche Sellinghauser zur Wehrmacht  eingezogen. Über Jahre hinweg bangten fast alle Familien des Dorfes um Verwandte, 10 junge Männer kehrten nicht mehr zurück. Die meisten von ihnen fielen noch in den letzten Kriegsmonaten. Eine hölzerne Gedenktafel in der Blasius Kapelle und das Ehrenmal in Altenilpe erinnert an sie.

Gegen Ende des Krieges suchten fast alle Sellinghauser in dem Schieferstollen Schutz vor dem Beschuss der vorrückenden amerikanischen Truppen. Da auch aus den Nachbardörfern immer mehr Menschen kamen,  hielten sich schließlich 800 – 1000 Menschen in dem Stollen auf. Es war eng, feucht, kühl und der Sauerstoff wurde knapp. Ein schwer verwundeter Soldat und eine Frau im Kindbett starben hier. Am Vormittag des 10. April 1945 rückten amerikanische Truppen von Altenilpe kommend über den Selmen in Sellinghausen ein und durchsuchten die Häuser nach deutschen Soldaten. Panzer fuhren auf der Schieferhalde vor dem Schieferbergwerk auf. Der evangelische  Pfarrer Friedel Birker aus Dorlar übergab den Stollen an die Amerikaner. Abgesehen von Beschädigungen an einigen Häusern kam unser Dorf glimpflich davon.

Nach dem Zweiten Weltkrieg fanden die meisten Sellinghauser Männer Arbeit in der Schiefergrube Felizitas in Heiminghausen. Als Nebenerwerbslandwirte hatten sie so die Möglichkeit, nachmittags ihre Landwirtschaft zu betreiben, welche die meisten seit den 1970er Jahren nach und nach aufgaben. Es blieben drei landwirtschaftliche Vollerwerbs-betriebe, der Hof Stockhausen wurde zu einem großen Ferienhotel ausgebaut. Können die Zimmerei Schauerte und die Schreinerei Rinke inzwischen eine über 100-jährige Tradition zurückblicken, so kamen in den letzten Jahrzehnten drei weitere Betriebe des Holzhandwerks hinzu.

Dagegen wurde die Katholische Volksschule Altenilpe, die im Ersten Weltkrieg über 100 Kinder besuchten, im Sommer 1970 geschlossen. Die Sellinghauser Kinder besuchen seitdem die Grundschule in Dorlar und weiterführende Schulen in Bad Fredeburg und Schmallenberg. Die Kirchengemeinde Altenilpe –Sellinghausen gehört inzwischen zum Pastoralen Raum Schmallenberg-Eslohe, immerhin finden in der St. Luzia Kirche Altenilpe noch wöchentlich Gottesdienste statt.

Besonders die Kinder und die Jugend des Dorfes halten einige uralte Traditionen aufrecht. Auf Altweiberfastnacht ziehen die Schulmädchen in Verkleidung durch das Dorf, singen das Lüttke-Fastenacht-Lied und sammeln Geld und Süßigkeiten. Sie sammeln vor Fronleichnam auch Blumen für die Blütenteppiche zur Fronleichnamsprozession. Die Schuljungen vertreiben am 22. Februar durch Gesang und das Schlagen mit ihren Holzhämmern den Winter und locken den Sonnenvogel heraus. Ihre Aufgabe ist es auch heute noch, das Osterfeuer in den Wochen vor Ostern zu errichten, bei gefährlichen Arbeiten unterstützt von ihren Vätern. Auch kirchlich geprägte Traditionen wie das Dreikönigssingen (6. Januar) und das Kläpstern an den Tagen vor Ostern bewahren unsere Kinder. Die jungen Männer des Dorfes ziehen in der Neujahrsnacht von Haus zu Haus und wünschen mit ihrem Lied den Einwohnern ein „glückseliges neues Jahr“. Am Fastnachtsdienstag besuchen sie dann alle Sellinghauser, um ihren verdienten Lohn einzusammeln.